Auf Spurensuche nach der „Stunde Null“

Die alte Architektur und die Stützen des Regimes

Das Gebäude der heutigen Obermayr Europa-Schule in Rüsselsheim hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Gebaut 1936 als Parteiheim der Rüsselsheimer NSDAP, wird es nach dem Krieg zur Kaserne der US-Armee umfunktioniert. Als die Amerikaner diese nach dem Ende des Kalten Krieges aufgeben, wird daraus eine Schule. Auf den ersten Blick erinnert heute nichts mehr an diese wechselhafte Geschichte – bis auf die Architektur. Selbst ohne die Hakenkreuze, Fahnen und Symbole des Nationalsozialismus erkennt man die typische Sprache der NS-Architektur: die strenge Ausrichtung auf eine Mittelachse, den „Führerbalkon“ mit links- und rechtsseitigen Säulen und den davor gelagerten Aufmarschplatz. Auch wenn das Parteiheim nach 1945 umfunktioniert wird, so verströmt seine Architektur in gewisser Weise noch den alten Geist. So passt dieser Ort ganz gut, um eine Entwicklung zu beschreiben, die sich in der „Stunde Null“ hier in Rüsselsheim wie in ganz Deutschland abspielt. Am 8. Mai 1945 bricht der Unrechtsstaat zusammen, die ehemaligen Parteimitglieder, Funktionäre, Beamte und Helfer, die Stützen des Regimes und seiner „Architektur“ verschwinden nicht einfach von der Bildfläche. Im Gegenteil, auch wenn einige sich vor Gericht verantworten müssen, gelingt es doch den meisten, überall im Nachkriegsdeutschland wieder Fuß zu fassen: in den öffentlichen Verwaltungen, den Gerichten, in der Polizei und in den Regierungen auf städtischer, Landes- und Bundesebene. Als „alte Kameraden“ bilden sie Seilschaften und helfen sich gegenseitig.

Stellvertretend dafür steht der Lebenslauf des Rüsselsheimer Polizisten R. Er tritt bereits vor der „Machtergreifung“ im Jahr 1933 der NSDAP und der SS bei. In den letzten zwei Kriegsjahren dient er in einem SS-Polizei-Regiment in Kroatien, wo es im Zuge der „Partisanenbekämpfung“ durch faschistische Utascha-Milizen und deutsche Verbände zu schwersten Kriegsverbrechen kommt. Nach dem Krieg gerät er in russische Kriegsgefangenschaft. Endlich zurückgekehrt, muss er sich aufgrund der im Volksmund „Spätheimkehreramnesie“ genannten Regelung über die Anwendung des Gesetzes zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus auf Heimkehrer von 1948 nicht vor einem Spruchkammergericht verantworten. Formal-juristisch gilt er als „Mitläufer/nicht-belastet“ und hat ein Recht auf Wiedereinstellung. Doch Bürgermeister Dörfler versucht dies zu verhindern. Polizist R. hat allerdings einflussreiche Fürsprecher wie den Landtagsabgeordneten Hans Sudheimer (SPD) und den Bürgermeister Walter Klaus Köbel, die sich für ihn einsetzen. 1954 wird er wieder in den städtischen Dienst übernommen.

Der Fall des Polizisten R. ist kein Einzelfall: weder in Rüsselsheim noch in ganz Westdeutschland. Das Verhalten der beiden Bürgermeister Dörfler und Köbel ist ebenfalls typisch für den Umgang mit dem Nationalsozialismus in den beiden Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch des NS-Staates. Dörfler (SPD), erster Nachkriegsbürgermeister in Rüsselsheim und selbst Opfer des Nationalsozialismus, versucht mit den ihm zur Verfügung stehenden formal-juristischen Mitteln die Rückkehr der ehemaligen Parteimitglieder, Funktionäre und Beamte in den Staatsdienst zu verhindern. Köbel (SPD) und selbst durch eine Parteimitgliedschaft und sein Wirken als Stütze des NS-Staates vorbelastet, nutzt dieselben Mittel, um ihre Wiedereinstellung zu bewirken.

Keiner der beiden bringt die Vorgänge jedoch ans Licht der Öffentlichkeit.