Auf Spurensuche nach der „Stunde Null“

Das ehemalige Textilkaufhaus Lang in der Bahnhofstraße


Fanny Lang wird 1884 als Kind jüdischer Eltern geboren. Vor der Eheschließung mit dem Textilkaufmann Richard Lang konvertiert sie zum katholischen Glauben. Die beiden betreiben zusammen das Textilkaufhaus Lang in der Bahnhofstraße 41. 1919 kommt die einzige Tochter Anneliese zur Welt.

Die Familie Lang bringt ihr Kaufhaus erfolgreich durch die turbulenten 20er-Jahre, der Weltwirtschaftskrise zum Trotz. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ändert sich dies schlagartig. Von einem Tag auf den anderen ist die wirtschaftliche Existenz der Familie in Gefahr. Ihre Ehe gilt nun als „Mischehe.“ Nachbarn wenden sich ab; auf der Straße heißt es plötzlich „wie kann man bei dem Jud kaufen?“ In der Reichspogromnacht 1938 wird das Geschäft der Langs verwüstet. 1939 muss die Familie eine „Judenvermögensabgabe“ von 11.000 RM zahlen. An Fanny Lang geht all dies nicht spurlos vorbei: Sie zeigt sich kaum noch in der Öffentlichkeit und vermeidet es, im Geschäft gesehen zu werden. Bis zu einem gewissen Grad schützt sie ihre Ehe mit Richard Lang, vorläufig zumindest. Als 1942 die jüdischen Bürger Rüsselsheim deportiert werden, bleibt sie zunächst verschont. Im Oktober 1942 trifft das Ehepaar Lang, abends auf Rückreise aus Mainz, beim Aussteigen am Bahnhof Rüsselsheim auf eine Nachbarin, die sich selbst als „Judenhasserin“ beschreibt; sie macht den Langs schon lange große Schwierigkeiten. Es kommt zu einem kurzen, aber folgenreichen Vorfall. Da sie sich beleidigt fühlt, erstattet die Nachbarin Anzeige. Bei einer Vorladung befragt die Kriminalpolizei Rüsselsheim beide Beteiligte zu dem Vorfall. Eine Zeitlang scheint es, als ob die Angelegenheit damit erledigt sei. Doch dann wird Fanny Lang am 15. März 1943 von der Gestapo verhaftet und in ein Gefängnis der geheimen Staatspolizei in Darmstadt gebracht; acht Wochen später wird sie nach Auschwitz deportiert. Im Juli 1943 erhält Richard Lang einen Brief mit dem Totenschein, datiert auf den 7. Juli 1943, ohne Angabe der Todesursache. Das Textilgeschäft wird als „jüdisch-versippter Betrieb“ gebrandmarkt und zum 15. April 1943 stillgelegt.

Der Tod seiner Frau trifft Richard Lang ins Mark; ein Arzt attestiert ihm 1944 Herzstörungen und starke nervliche wie auch körperliche Erschöpfung. Währenddessen versucht der NS-Staat, sich das Erbe anzueignen. Es geht um ihren Anteil an dem Grundstück Bahnhofstraße Nr. 41, wo sich das Geschäft befindet, und weitere Vermögenswerte. Nach monatelangem Rechtsstreit zieht der NS-Staat das Erbe von Fanny Lang ein.

Auch nach dem Krieg gehen die juristischen Auseinandersetzungen weiter; diesmal unter anderen Vorzeichen. Richard Lang kämpft jahrelang um die Anerkennung und Wiedergutmachung des Unrechts, das seiner Frau und ihm widerfahren ist. Die Nachbarin, die Frau Lang denunziert hat, wird 1947 in ihrem Spruchkammerverfahren zu sechs Jahren Arbeitslager verurteilt. Sein Antrag auf Entschädigung in Form einer Rente wird 1952 abgelehnt, mit der Begründung, dass „(…) nach § 13 des Entschädigungsgesetzes eine Rente nur an Witwen vorgesehen (ist).“ 1953 Richard Lang erhält eine Entschädigung in Höhe von 2.240 Mark für die gezahlten Sonderabgaben. 1957 ist das Land Hessen schließlich bereit, weitere 8.356 DM als Entschädigung für die entstandenen Einnahmeverluste zu zahlen.

Das Gebäude des ehemaligen Textilkaufhauses wird abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Die Geschichte der Familie Lang gerät in Vergessenheit. 2007 gründet sich die „Stolperstein-Initiative Rüsselsheim.“ Sie macht es sich zur Aufgabe, die Lebens- und Leidensgeschichten der Opfer des Nationalsozialismus in Rüsselsheim aufzuarbeiten. 2008 verlegt die Initiative in der Bahnhofstr. 41 einen Stolperstein der Fanny Lang. Norbert Blüm, ehemaliger Bundesminister, der Fanny Lang noch persönlich kannte, übernimmt die Patenschaft des Stolpersteins und würdigt sie als herzensgute Frau, als „liebenswerte Mama, immer fröhlich.“ Und weiter: „Ich wundere mich noch sechs Jahrzehnte später, warum es in Rüsselsheim kein Entsetzen gab, als jüdische Nachbarn abgeholt worden sind.“